
Eines Tages im alten Orient kam ein Mädchen, ihr Name war Aisha, zu ihrer Mutter. Sie war ein betrübt und niedergeschlagen. Ihre Mutter fragte: "Was ist los, Aisha, was betrübt dich denn?" Aisha antwortete: "Ach, Mutter, ich bin ratlos. Ich möchte so gerne interessante Abenteuer erleben. Ich möchte, Berge bezwingen und Ozeane ergründen, sodass ich die Menschen durch meine Abenteuergeschichten sehr neugierig auf mich machen kann. ich möchte aber auch Menschen durch meine Schönheit bezaubern und dann möchte ich auch noch so viel wissen, dass ich sie auch durch mein Wissen beeindrucken kann.
Die Mutter, eine weise Frau, erwiderte, dass sie als junges Mädchen ganz genauso wissbegierig und abenteuerlustig gewesen sei. Und nun hatte sie sich aber schon geraume Weile mit ihrem Leben als Frau eines wohlhabenden Mannes und Mutter einer heranwachsenden Tochter mit all ihren Pflichten und Privilegien abgefunden.
Wie das gekommen war?
"Nun, da erzähle ich dir eine Geschichte:
Eines Tages, als ich etwa in deinem Alter war, kam ein Trupp fahrender Artisten in unseren Ort. Alle möglichen Künstler, Tiere und Menschen, kamen da in einer langen Reihe. Ein tanzender Bär, eine singende Giraffe, ein Dompteur mit seinen weissen Tigern, Jongleure, akrobatische Affen, Kunstreiter auf Pferden und Kamelen, Akrobaten mit halsbrecherischen Kunststücken, Messerwerfer, Magier und ein Seiltänzer.
Ich bewunderte diese Artisten sehr. Einmal für Ihre Kunstfertigkeit und auch für ihre Weltgewandtheit, für ihre Erfahrungen und dafür, dass sie immer neues und interessantes erleben durften.
Besonders der Seiltänzer hatte es mir angetan. Wie er sich bewegte, auf dem Seil, das 10 Meter über dem Boden zwischen zwei besonders hohen Palmen gespannt war.
Schritt für Schritt tänzelte er mit einer Leichtigkeit über dem Abgrund auf dem dünnen Seil, behielt sein Gleichgewicht und spazierte scheinbar ohne Mühe auf dem Seil von einer Palme zur anderen.
Das Schicksal wollte es, dass mein Vater ebenso beeindruckt von den Künsten der Akrobaten war, sodass er sie zu einem Festmahl einlud. Und weil er ein sehr offener Mann war, durfte ich daran teilnehmen.
Ich war sehr aufgeregt. Vielleicht konnte ich ja sogar einige Worte mit dem Seiltänzer wechseln und ihn fragen, wie er das schaffte, so gar nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, in dieser Höhe, auf dem dünnen Seil.
Gesagt, getan, ich suchte seine Nähe und es ergab sich tatsächlich ein Gespräch. Auf meine Frage, die ich zögernd, aber interessiert vorbrachte, antwortete er mir: "Wunderschönes Fräulein, Gott hat mich vielleicht mit der besonderen Fähigkeit auf die Welt kommen lassen, Seil zu tanzen, aber ich habe das meine durchaus dazu getan.
Denn was ist notwendig für diese Kunst des Balancehaltens auf dem dünnen Seil? Konzentration auf das Wesentliche, nämlich den geraden Weg, Zielgerichtetheit und Zuversicht. Und das Wissen, dass man sich für alle Dinge dieser Welt interessieren kann." Hier machte er eine Pause, lächelte über mein verdutztes Gesicht, denn das schien mir doch in Widerspruch zur Konzentration zu stehen. "Aber", fuhr er fort, "trotzdem im Augenblick des Gehens auf dem Seil sich nur auf den nächsten Schritt zu konzentrieren, Schritt für Schritt, dem Ziele entgegen, mit höchster Konzentration auf diesen einen Schritt." "Und das könnte jeder?" fragte ich verwundert, ob der Einfachheit dieses "Rezepts". "Ich glaube schon, denn Balancehalten ist vor allem eine Frage der Konzentration auf die Gegenwart. Und die Achtsamkeit dem eigenen Tun gegenüber. Probier es doch einmal aus, bei deinen alltäglichen Verrichtungen. Du wirst sehen, wie konzentriert und punktgenau du auf diese Weise deine Aufgaben erledigen kannst. Und wie viel Zeit dabei dann noch bleibt, um sich den vielen interessanten anderen Dingen, nach und nach, Thema für Thema zu widmen."
Ja, das Fest ging dann wie ein Rausch von Eindrücken an mir vorbei, immer wieder dachte ich an die Worte des Seiltänzers über die Balance nach. Sie haben mir sehr geholfen, mich in meinem Leben zu konzentrieren und achtsam zu sein gegenüber mir und meinen Taten.
Und ich tue seitdem alles mit höchster Konzentration, wachsam auf jeden Schritt, Schritt für Schritt bis zum Ziel. Und dann kommt die nächste Aufgabe, die nächste Aktivität an die Reihe.
Und du wirst staunen, ich habe unendlich viel Zeit zur Verfügung, es ist für alles Platz, was ich tun will und ich kann die Dinge, die ich gerade mache, wunderbar genießen.
Aber es ist notwendig, immer achtsam zu bleiben, immer aufmerksam zu bleiben, um das Gleichgewicht der Stimmungen, das Gleichgewicht der Aufgaben, das Gleichgewicht der Vergnügungen zu behalten und sich auf den Augenblick zu konzentrieren, um ihn zu genießen."
Aisha war überrascht über diese anscheinend so simple Lösung ihres Problems. Konzentration und Achtsamkeit, konnte das alles sein?
Nachdenklich verließ sie die Mutter. Sie wollte herausfinden, ob sich das wohl auch in ihrem eigenen Leben anwenden ließ.